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Svetlanas Brief vom April 2013

Heute hat Daria von Svetlana ein langer Brief erhalten, dem sie ein paar Fotos aus ihrem früheren Leben beigelegt hat.

Daria hat den Brief für uns übersetzt, damit wir alle an Svetlanas Leben teilhaben können. Voller Demut habe ich ihn gelesen und ich bewundere diese selbstlose Frau mit dem Herz einer Löwin sehr. Svetlana zollt mein grösster Respekt! Es ist unvorstellbar, was sie alles durchmachen musste (und leider wohl auch noch muss..) Wir unterstützen Svetlana weiterhin so gut wir können und ich bin voller Dankbarkeit, dass es sie gibt ♥

  

Meine lieben Tierfreunde,

es fällt mir schwer über die Vergangenheit zu sprechen, aber ich möchte euch wissen lassen wie mein Leben vor euch aussah.

Der Name meines ersten Vereins hieß: „staatliche Organisation für Tierschutz in Abakan“. Damit kam auch der erste Prozess, der von dem Bürgermeister eingeleitet wurde. Danach folgten reguläre Prozesse mit verschiedenen Beamten Hakasiens. Alle verlangten, dass ich meine Tätigkeit aufgebe und wollten die Tiere vernichten. Ich selber konnte mich nicht beschützen. Den Prozess übernahm freiwillig eine tierliebe Frau, eine unglaubliche Person, die Tatjana Jejowa, die als Redakteurin im staatlichen Fernsehen arbeitete.

Das Leben hat sich für mich gespaltet. Auf der einen Seite unter dem Schutz von Tatjana, wurde ich auf all diesen Prozessen geachtet und mit Vor- und Nachnamen angesprochen. Auf der anderen Seite, von allen die mich los haben wollten, wurde ich die „Hundemutter“ genannt, die immer auf der Suche nach Futter in die Mülltonnen blickte und an jeder Wohnungstür klopfte, um für Futterreste zu betteln. Manche haben was gegeben, aber es gab auch Zeiten, wo ich aus dem Treppenhaus eines Hochhauses mit leeren Händen raus kam.

Ein Bekannter hat mir geraten, mich auf die Strasse zu setzen und zu betteln. Ich suchte mir einen Platz gegenüber der Post zwischen zwei Bäumen aus und so sassen wir immer in Kälte und Regen. Ich nahm immer einen Hund mit und wir nannten sie „die Arbeiter“. Sie bettelten für das Futter genau so wie ich.

Aus dieser Zeit erinnere ich mich an einen sehr schweren Überlebenskampf. In dem alten Tierheim standen immer zwei grosse Eimer, in welchen wir Viehfutter aufkochten, von dem wir nie genug hatten. Vor allem für grosse, ehemalige Wohnungstiere, wie Doggen, Dobermänner oder Boxer. Irgendwann starben die meisten an Mangelernährung.

Während dessen gingen die Prozesse weiter. Sitzend auf der Strasse, war ich nur damit beschäftigt, alle möglichen Zeitungen anzuschreiben, die mich eventuell in Schutz nehmen könnten. Ich verstand nicht, warum ich so von diesen Männern gehasst wurde.

Danach überraschte mich eine schwere Krankheit. Ich bekam Brustkrebs. Ich bekam einen Termin, um den Tumor zu entfernen. Am Tag als ich dahin gehen sollte und schon in der Klinik war, bekam ich plötzlich Gänsehaut: „ Was ist, wenn ich die Narkose nicht überlebe? Was wird mit allen Tieren geschehen?“ Meine innere Stimme sagte: „ So schnell wie möglich weg von hier!“ So habe ich es auch gemacht und ihr werdet es nicht glauben, innerhalb der nächsten 8 Jahre verschwand der Tumor vollständig! Was ich gemacht habe - ich habe gebetet und mich vegetarisch ernährt.

Nach der Erkrankung kam die nächste Überraschung.

Am 28. Februar 2008 um 19:00 kamen zwei Männer in Masken mit Messern, die sie mir an die Kehle hielten. Was mich gerettet hat war meine Arbeiterin, die eigentlich nie zur dieser Zeit vorbei kam, sich aber spontan an diesem Tag entschlossen hat, mich zu besuchen. Die beiden Männer sind erschrocken und weggelaufen. Am Ende fand ich heraus, dass man mein Grundstück zur dieser Zeit für 1,5 Millionen Rubel verkaufte. Mein Grundstück war nicht auf mich eingeschrieben, was die Sache noch viel leichter machte. Meine Hausnummer war in den Unterlagen von 67 bereits auf 65 umgeändert worden! Diese Hausnummer hatte auch das Nachbarshaus, das verkauft wurde. Man musste nur noch mein verfaultes Häuschen abreissen und mich und die Tiere umbringen.

Ich fand den Menschen, der dieses Grundstück zur dieser Zeit kaufte. Es war ein ehrlicher Mann, der mir sagte: „ wenn sie die Hausnummer wieder wechseln, wird sie keiner anfassen können.“

Ein Jahr lang war ich hinter der Hausnummer her. Leider vergebens, keiner wollte sie mir zurückgeben!

Doch es geschah ein Wunder! Der Bürgermeister, mittlerweile berühmt für seine "schwarzen Werke", hat man aufgespürt. Als ich das letzte Mal zu ihm ging, hatte er plötzlich die Seite in den Unterlagen gefunden, auf der meine alte Nummer zu finden war, damit er weiteren Problemen entkommen konnte.

Danach hat man einen kurzen Film über unser Tierheim im Fernsehen gezeigt und es fand sich eine Frau in Moskau, die uns versprochen hat, eine Million Rubel für das Tierheim zu spenden.

Zur dieser Zeit hat mich auch Daria gefunden. Sie kam noch in das alte Tierheim rein und hat angefangen gründlich in jeden Käfig reinzuschauen, was mir gefallen hat.

Und mit ihr kamen irgendwann die Deutschen und Schweizer.

Es war schon später Oktober, als die Behörden (damit sie mich endlich aus dem Dorf raus haben konnten) uns für das Tierheim 5 Hektar Land versprachen. Ich hatte zwar noch keine Dokumente gesehen, doch ich überlegte nicht lange. Auf diesem Feld war noch grünes Gras, Freiheit und niemand würde uns wieder anklagen. Und ich, mit 20'000 verfügbaren Rubel für den ganzen Umzug, habe nicht mal nachgedacht. Was haben die Menschen bereits alles in diesem Land zu verschiedenen Zeiten durchgemacht. Nicht zur erwähnen die Tiere, als man sie in den Lenin- und Stalins-Zeiten vernichtet hat.

Die Frau von den Behörden, die sich als Tierfreundin ausgegeben und diesen ganzen Umzugsprozess in die Wege geleitet hat, hat  400'000 Rubel von der Spenderin aus Moskau überwiesen bekommen. Für dieses Geld hat sie uns nur das Tierheim umzäunt und zwei alte Metallwagen organisiert (für die sie wahrscheinlich nichts bezahlt hat). Als ich zu spät gemerkt habe, dass sie uns beklaut, habe ich 110'000 Rubel von dem restlichen Geld von ihr zurückgefordert und damit auch den ganzen Kontakt mit ihr beendet.

Der ganze Umzug war für mich ein Albtraum. Aus Deutschland kam noch gar kein Geld und wir hatten auch fast keine Räumlichkeiten. Doch schlimmer war die Sache, dass vom ersten Tag an Tiere verschwanden.

Erst jetzt verstehe ich, was die Behörden mit uns vor hatten. Vom staatlichen Gesetz her muss die Stadt einem Unternehmen wie unseres, mit einer Geldsumme unterstützen! Der Bürgermeister und alle anderen Beamten haben dieses Geld aber in die eigene Tasche gesteckt. Deswegen kamen auch die ganzen Prozesse. Aber nicht nur das, sie wollten uns auch jetzt nicht in Ruhe lassen. Vom ersten Tag an brachten unsere Hunde abgeschnittene Köpfe, Pfoten und andere Teile der Tiere ins Tierheim zurück. Lange habe ich gedacht, dass dies die naheliegenden Gleise in der Nähe des Tierheims gewesen waren, denen unsere Tiere zum Opfer fielen. Im Winter hat die Sache aufgehört und mit Beginn des Frühlings haben die Tiere wieder angefangen zu verschwinden. Eine sehr liebe, zerbrechliche Hündin, mit der ich immer geschlafen habe, kam eines Tages nicht mehr zurück. Die anderen Hunde schleppten dann ihren Körper zurück.

Das Einzige was ich machen konnte, war alle möglichen Zeitungen und Sender anschreiben.

Ein guter tierlieber Freund, Jurij Kurochka, hat ein Film über uns gedreht, wofür er fast sein Job verloren hat, aber später sowieso freiwillig den Sender verlassen hat. Dort sagte ich die ganze Wahrheit über die Beamten. Auch dass wir bis jetzt keine Dokumente für den Besitz der 5 Hektar Land gekriegt haben. Auch versprach ich, dass wir nicht hinter dem staatlichen Geld her sind, das uns eigentlich zusteht. Nach dieser Sendung waren die Dokumente direkt ins Tierheim geliefert worden.

Ich wurde 1946 in St Petersburg geboren. Es war kein Krieg mehr, doch ab dem Tag wo ich den ersten armen Hund auf der Strasse hochgehoben habe, um ihn zu retten, habe ich gespürt, dass es ein langer und unfairer Kampf werden wird.

Zum Beispiel, wenn irgendwo ein Hund jemanden gebissen hat, gibt es dann das Recht gleich alle umzubringen, zu vergiften oder lebendig in einen Heizofen zu werfen. Wir sind doch Menschen und das muss gestoppt werden! Ein alter, behinderter Hund gehört ins Tierheim. Alle anderen müssen kastriert und plaziert werden und wenn es nicht geht, muss man sie zurück auf ihren Lebensraum bringen. Doch wie funktioniert es bei uns in Russland: wenn alle schlafen, hört man um 5.00 morgens Schüsse auf den Strassen. Am Morgen kommen dann die alten Menschen raus, um ihre Pfleglinge zu füttern, aber keiner ist mehr da.

In der Nähe unseres alten Tierheims hat eine Hündin gelebt. Ihr ging es gut draußen und so wollte ich sie nicht bei uns anschließen. Sie lebte unter einem Metallwagen im Hof. Im Winter ging ich immer neben ihr vorbei, als sie eingekugelt geschlafen hat und flüsterte ihr ins Ohr:“ bald kommt der Frühling.“ Und dann, als irgendwann der Frühling kam und wir an einem sonnigen Morgen gefrühstückt haben, kam ein sehr lauter Schuss. Wir sprangen auf, gingen in den Hof und sahen, wie der Körper der toten Hündin eingesammelt wurde.

 Irgendwann haben sich die Menschen beklagt, dass diese Vernichtung zu auffällig war. So hat man eine billigere und passende Methode gefunden. Eine Methode, die jetzt die Streuner und Wohnungshunde gleichstellte.

Auf unsere Hauptstrasse in der Mitte der Stadt, lebten friedlich ca. 6 Streuner in ihren Löchern. Aggressive Hunde in so einer Gegend würden von den Menschen gleich vernichtet, doch diese störten niemanden und man hat sie gefüttert. Dann kamen die staatlichen Dienste und haben vergiftete Wurst ausgelegt. Die Hunde verendeten grauenvoll während 1,5 Tagen. Mütter und die Kinder weinten rundherum, doch wer kann so was stoppen, wenn es von den Mächtigsten angeordnet wird..!

Noch eine Geschichte von einer Hündin Biene. Sie lebte im Keller eines Hauses, wo sie die Menschen gefüttert haben und war eigentlich immer friedlich. Doch dann hat die Hündin 9 Welpen geboren und plötzlich änderte sich ihr Verhalten. Sie hat aus Mutterinstinkten alle angebellt, so dass sie ja nicht in der Nähe von ihren Kindern kamen. Anscheinend hat sie auch noch eine Frau gebissen, die dort vorbei ging. Diese Frau hat den Dienst gerufen. Statt die Hündin normal umzubringen, hat man sie mit Giftpatronen abgeschossen. Die ganze Strasse war mit ihrem Blut überströmt. Man nahm die Hündin und brach sie mit dem Auto auf einen Mülltonnenhaufen. Doch ein paar Tage später kehrte die halbtote Biene zu ihren Welpen zurück! Ihre Angst um ihre Welpen war grösser und sie waren wichtiger als ihr eigenes Leben.

Einmal hat ein Auto einen Boxer angefahren. Voller Blut kroch er in Richtung Schule. Die Kinder sammelten sich um ihn, weinten und wollten nicht in den Unterricht. Man rief die Polizei, um den Hund in mein Tierheim zu fahren. Die Polizei hat das Versprechen gehalten und gerade an dem Tag, als man den Hund zu uns gebracht hat, hat man eine Sendung über unser Tierheim gedreht. Die Besitzer von ihm erkannten ihn wieder und so durfte der glückliche Boxer wieder zurück zu seinen Besitzern.

Viele Tiere leben in Russland in Kellern von Hochhäusern. Die Behörden verschließen diese und so gehen die Tiere grausam drauf.  Eine Bekannte von mir, die immer die Hunde gefüttert hat, hat mir einmal ein Loch gezeigt. Der Keller wurde zugemauert, drin eine Hündin mit ihrem Welpen. 10 Tage sassen die beiden da, ohne Futter und Wasser. Die Hündin hat mit ihren Krallen während diesen 10 Tagen ein Loch gegraben, durch welches dann beide entfliehen konnten.

Dann gab es einen Hund, von welchem der Besitzer der Lokführer an unserem Hauptbahnhof war. Sein ganzes Leben kam der Hund um den Besitzer dort abzuholen. Irgendwann verstarb der Besitzer und so ist der Hund immer wartend am Hauptbahnhof geblieben. Gutherzige Menschen bauten sogar eine Hütte für ihn, doch er bevorzugte eine Bank unter welcher er immer gelebt hat. Eines Tages hat ihn irgendein Psychopath erstochen. Auf dem Körper waren 30 Messerstiche zu sehen.   

Doch wir haben auch sehr gutherzige Menschen, meistens Frauen. Eine Freundin von mir, Vera Grigorjewna, hat immer ihre Katzen im Hof gefüttert. Sie hat sie mit dem Klang der Schlüssel angelockt. Als sie schon über 80 war und nicht mehr gehen konnte, hat sie mit dem Schlüsselbund vom Balkon aus geklingelt und so kamen die Katzen auf ihrem Stockwerk angerannt.

Wir haben vor, wenn es Frühling wird, ein Katzenhaus zu bauen, welches ich den Menschen wie Vera Grigorjevna widmen möchte. Mein Wunsch wäre, wenn all die Menschen, die sich um die Tiere kümmern mal sterben, sie sicher sein können, dass die Tiere nach ihrem Tod auch gut aufgehoben sind.

In unserem Städtchen Abakan existiert seit Kurzem ein ehrenamtliche Quelle Namens “Sorge“. Selbstverständlich wird sie von jungen Frauen geleitet. Ich unterstütze jede Tätigkeit in dieser Richtung.

Zur unserer Zeit sind es meistens Frauen, denen das Schicksal der Tiere nicht egal ist. Die Natur hat uns den Mutterinstinkt geschenkt, wogegen anzukämpfen sinnlos und unnötig ist. Es ist egal, ob eine Frau Kinder hat oder nicht, wenn sie auf ihren Mutterinstinkt hört, beschützt sie jeden.

Meine lieben Deutschen und Schweizer Tierfreunde, wir alle lieben euch und haben lange auf euch gewartet.

Ich habe euch meine Geschichte erzählt, so gut ich konnte und der Kampf geht weiter.

Eine Bitte habe ich an euch. Wenn ich sterbe, möchte ich in der hintersten Ecke des Tierheims begraben werden. So kann ich mein Tierheim auch nach dem Tod beschützen.

Keine Angst, ich habe nicht vor zu sterben. Meine Tage sind noch nicht gezählt. Ich habe noch weitere Aufgaben vor mir. Auch ein Buch zu schreiben, doch bis jetzt fehlt mir immer noch die Zeit dazu…

Eure Svetlana Konovalowa.


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