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Besuch bei Svetlana August 2013

Der fünfte Besuch bei Svetlana 

Wie es Martina schon erwähnt hat, man kommt von Sibirien nach Hause, heult sich erstmal an der Schulter des Mannes aus, ist überwältigt von den Gefühlen und Emotionen und erzählt, wie schrecklich die Lage vor Ort ist. Spätestens im Winter möchte man wieder hin um zu helfen. Weg aus unserem perfekten Fotoshop-Leben, um sich in dem Chaos der Hoffnungslosigkeit zu vertiefen und um zu verstehen, wie am Ende der Welt Mensch und Tier täglich nur mit einem beschäftigt sind, dem Überleben!

Nebst dem Stamm-Team von Martina, Nika und mir, waren dieses Jahr auch Ruth (die Tierärztin aus der Schweiz) und 2 weitere Helfer mit von der Partie.

Die Strassentiere werden mit Gift umgebracht

Angekommen am Flughafen, wurden wir nicht von dem üblichen Rudel empfangen. Dieses Jahr ist es eine Geisterstadt. Erst mehrere Tage später habe ich vernommen wo alle Hunde hin sind, als eine in Tränen überströmte Frau einen Hund ins Tierheim brachte. Ihre Nachbarn hatten den „Entsorgungsdienst“ gerufen! Die Mutter der Welpen konnten sie nicht mehr retten. Die Hündin verendete qualvoll an dem Gift, mit dem sie abgeschossen wurde. Die Welpen wurden bei der Frau im Haus versteckt und werden später ins Tierheim gebracht. Nur den zahmen Rüden konnte sie kurz vor dem Abschiessen noch einfangen und ins Tierheim bringen.

Die Frau kam in dem Moment, wo unsere Schweizer Tierärztin gerade am Kastrieren war. Sie schaute uns an und sagte: „ Ihr seid doch die Deutschen, von denen die ganze Stadt spricht. Wenn es euch nicht gäbe, wären alle Tiere hier verloren.“

Der Rüde wurde dann kastriert und in einen Zwinger zu anderen Hunden reingesetzt. All die Tage, die ich an dem Zwinger vorbei gegangen bin, musste ich leise weinen. Die anderen Hunde haben uns immer angebellt.. Nur der Rüde sitzt einfach da, schaut verwirrt auf uns und versteht die Welt nicht mehr, wie er hier gelandet ist. Wie kann ich ihm erklären, warum wir ihm die Freiheit genommen haben und die Umgebung, an die er doch gewohnt war? Wie kann ich ihm erklären, dass er, wenn nicht diese Frau gewesen wäre, nicht mehr am Leben sein würde? Traurig gehe ich zu der jungen Arbeiterin von Svetlana um sie zu fragen, wie lange die abgegebenen Tiere brauchen, um sich dem neuen Leben anzupassen. Ihre Gefühle sind ausgeschaltet - zu viel hat sie gesehen, zu viel hat sie erlebt. Zu mir sagt sie nur:“ Gib ihm ein Monat und er bellt dich wie alle anderen an.“ Ich versuche mich zu beruhigen… am Ende ist es trotzdem ein Leben und besser als der Tod.

Doch es gibt auch andere Fälle, die ehemalige Wohnungstiere. Diese haben es besonders schwer. Sie sind es nicht gewohnt, sich gegenüber den starken Hunden zu verteidigen und sich dem harten Leben anzupassen. Sie sind in einem Tierheim, in dem sie nie mehr so viel Zuwendung bekommen werden wie früher. Svetlana rennt wie eine verrückte durch den Tag und versucht das Tierheim aufzubauen. Sie holt auch ausgesetzte, angebundene Tiere aus der Stadt und da bleibt fast keine Zeit, um allen Aufmerksamkeit zu schenken. Viele von den ehemaligen Wohnungstieren gehen so schnell wie eine abgeschnittene Blume ein.

Eine Katze starb in meinen Armen

Da gab es diesen Kater, der hat mir in die Augen geschaut und mich angefleht. Er wurde von einem Paar gebracht, die seine Haare nicht mehr in der Wohnung haben wollten. Ich wollte ihn mitnehmen, damit er wenigstens hier wieder zu Kräften kommen kann. Er war ganz geschwächt, doch als ich ihn in dem Katzenzwinger auf meinen Bauch legte, schaute er zu mir hoch und in seinen Augen konnte ich herauslesen, dass er diese Menschenzuwendung schon mal gekannt hatte. Ich bemerkte aber, dass sich irgendwas an seinem Bauch bewegte und habe dann unsere Schweizer Tierärztin  geholt. Wir legten ihn in Narkose und was wir dann gesehen haben, war unerträglich! Sein ganzer Bauch war voll von Maden und Würmern. Der arme Kerl wurde bei lebendigem Leib aufgefressen! Beim Einschläfern konnte ich nicht mehr dabei sein, ich konnte es kaum verkraften.. Ich hatte ihm doch kurz davor ein schönes Leben versprochen.

Wir mussten auch Tiere einschläfern

Wir kamen auch an einem Zwinger vorbei, wo wir einen Rüden sahen, bei dem die Hinterhand gelähmt war. Wir haben Svetlana gerufen und sie sagte uns, dass das erst vor ein paar Tagen passiert sei. Sie hoffe so sehr, dass er sich wieder erholt.. Sie habe schon so oft solche Wunder erleben dürfen, bei Tieren, die die Tierärzte aufgegeben haben und sie wurden wieder gesund. In diesem Fall war aber das Fachwissen von unserer Tierärztin zu gross und auch Nika (ausgebildete Hunde-Physiotherapeutin und Tierarzt-Assistentin) sah ganz schwarz für den süssen Rüden.. Schweren Herzens haben wir ihn dann ganz sanft über die Regenbogenbrücke begleitet.

 Die allgemeinen Gründe, weshalb die Menschen ihre Tiere ins Tierheim bringen

Manche begründen es nicht mal. Schmeissen z.B. einfach einen Pekinesen aus dem fahrenden Auto vor dem Tierheim und rufen schnell: „ sein Name ist Dima!“ und sind in wenigen Sekunden wieder verschwunden. Oder sie bringen einen älteren, sein ganzes Leben angeketteten Hund ins Tierheim und sagen:“ Eigentlich wollte ich ihn einschläfern, weil er das Haus nicht mehr beschützen kann, doch dann habe ich von ihrem Tierheim gehört.“ Aber nicht genug! Eine Woche später kommt der gleiche Mann wieder und sagt: „Eigentlich habe ich es mir anders überlegt, ich bringe ihn auf ein zweites Grundstück von mir, dann kann er dort an der Kette sein.“ Svetlana sagt da immer:“ Gehen sie weg, sonst werde ich meine Hunde auf sie hetzen!“ Oder man ruft Svetlana an und sagt, und das ist jetzt kein Witz:“ Wir haben hier einen Kettenhund bei uns, der die Menschen zur falschen Zeit anbellt. Wir würden gerne diesen einschläfern lassen und möchten schon im Voraus wissen, ob sie einen passenden Hund für uns hätten, den man dressieren könnte, zu einem bestimmten Zeitpunkt das Hausrevier zu verteidigen.“

Es gibt aber auch tolle Fortschritte im Heim, aber wir brauchen weitere Häuser mit Auslauf für die Hunde

Aber na ja, nicht alles auf dieser Welt ist hoffnungslos. Das Tierheim ist nicht mehr mit dem zu vergleichen, das wir letztes und vorletztes Jahr gesehen haben. Überall sind neue Zwinger dazu gebaut worden. Es gibt das Rudel von Svetlana, das Rudel von der jüngeren Arbeiterin Tatjana und das Rudel von Galina, die schon lange bei Svetlana lebt. Svetlana hat ihr zu einem zweiten Leben verholfen, da sie früher Alkohol abhängig war. Zwischendurch gibt es natürlich auch andere kleine Rudel und Tiere, die in getrennten Zwinger leben, weil sie von den anderen gemobbt werden oder selber zu dominant sind.

Noch im Winter habe ich mich gewundert... Wir haben dank euren Spenden schon so viel erbauen können, doch Svetlana schreibt immer und immer wieder, das sie mehr Räume braucht. Jetzt erst vor Ort, kann ich nachvollziehen warum. Es gibt so viele unverträgliche Hunde, die für sich separate Zwinger brauchen und der kleinste Raum im Tierheim ist besetzt. Eine Kampfhündin, die vor kurzem dazu kam, musste in dem Raum untergebracht werden, wo im Winter die Kohle gelagert wird. Erst jetzt kommen die Arbeiter dazu, dort ein Fenster einzubauen.

Dank Euch, Ihr lieben Spender, wurden über 280 Tiere kastriert!!!! Das soll uns und v.a. Svetlana erst mal einer nachmachen :-) Diese Leistung ist einfach grossartig!!!

Grosse Fortschritte gibt es auch bei der Kastration! Fast das ganze Tierheim ist durchkastriert! Bis auf ein paar erwachsene Hunde, die man fast nicht einfangen kann, weil sie so wild sind und die heranwachsenden Welpen, sind alle Tiere kastriert. Leider gab es aber auch hier 5 Unglücksfälle, bei welchen 5 Hündinnen ums Leben gekommen sind, weil sich bei ihnen die Bauchdecke wieder geöffnet hat. Die Sache ist sehr mysteriös. Die gleiche Ärztin hat zuvor alle anderen Tiere auch kastriert und es gab nie Probleme! Erst in diesem Frühling fingen diese Todesfälle an. Unsere goldwerte Schweizer Tierärztin Ruth Ferraro passte sich wie ein Chamäleon an die schrecklichen Op-Bedingungen im Kastartionsraum an. Sie kastrierte aber trotzdem sehr erfolgreich 25 Tiere, welche sich nach der Kastration sehr schnell erholten und zeigte der russischen Tierärztin auch noch mal, wie man eine doppelte Naht macht, damit die Nähte besser halten.

Auch gab es ein Vorfall, welcher Ruth und Martina besonders schockierte. Sie waren gerade dabei, eine Hündin zu kastrieren, als sie sahen, wie die russische Tierärztin einem Hund der in Narkose war einen Schlag verpasste, da es so aussah, als ob er zu früh aufwachen würde! Als wir später die Tierärztin darauf angesprochen haben, sagte sie, dass das überall in Russland so gemacht werde! Noch immer schockiert, erklärte ihr unsere Tierärztin, welche Narkosemittel besser sind und wie sie dosieren muss. Leider ist es so, dass sie in Russland nicht geeignete Narkosemittel für die Tiere haben und sie das Gewicht der Hunde auch nur schätzen.  

Zwischendurch mussten wir neue Energie tanken. Wir alle stossen immer wieder an unsere Grenzen

In den Zeiten wo wir keinen Ausweg bei diesem ganzem Elend gefunden haben und auch Ruth an ihre Grenzen gestossen ist, legte sie sich einfach ins Gras und tankte aus der Erde neue Energie. Dann stand sie auf und machte weiter! Eine wirklich tolle Frau, ich hoffe sie ist auch nächstes Jahr dabei!!!

Dann gab es aber auch den Tag, wo wir zusammen mit der russischen Tierarzt-Chefin Ludmilla mal unsere Seele baumeln lassen und neue Energie tanken konnten. Wir sind zusammen mit Svetlana an einen wunderschönen See gefahren. Dort konnten wir auch mit Ludmilla in aller Ruhe über Vieles sprechen, was im Tierheim einfach nicht gut möglich ist..

Der Besuch bei Jurij Kitanov

Kurz vor Ende unserer Reise, haben sich Martina und ich entschlossen, zusammen mit Svetlana nach Abasa zu Jurij Kitanov und seiner tierlieben Frau zu fahren. Das war ein grosses Anliegen von Svetlana, weil er für das Tierheim und die Tiere sehr wichtig ist. Wir wurden herzlich empfangen und durften auch bei ihnen übernachten. Jurij ist gerade im Wahlkampf (er will Bürgermeister in Abasa werden) und hat zusammen mit uns ein Video gedreht, welches er dann für den Wahlkampf verwendet. Er zeigt darin auch die Problematik der Strassentiere auf und wie man Mensch und Tier helfen kann. Schafft er es, dass er gewählt wird, hat er uns versprochen, mit Hilfe von uns in Abasa ein Kastrationsprogramm durchzuführen!!! Bitte drückt ihm alle die Daumen! Wenn er das wirklich durchziehen kann, haben wir gemeinsam Pionierarbeit geleistet und hoffen, dass andere Städte dann nachziehen! Hoffentlich dann auch in Abakan, wo Svetlana und ihre Tiere leben.

Auch hat er viel Holz gespendet, damit das neue Katzenhaus grösser als geplant fertig gebaut werden kann. Was wir in diesen zwei Tagen bewirken konnten, war grandios.

Leider können wir Svetlana nur 14 Tage im Jahr vor Ort helfen

Osteuropa ist in Sachen Tierschutz eine einzige Katastrophe! Die Leute selber haben nichts und die Tiere haben in ihren Augen gar keinen Stellenwert. Für Tierschützer aus dem Westen, ist Vieles fast nicht zu ertragen und sie kommen mit den Begebenheiten vor Ort kaum klar. Es wimmelt von Fliegen, die überall versuchen ihre Eier abzulegen. Menschen kommen vorbei, die ihre Tiere regelrecht wegwerfen. Süsse Welpen sterben, weil vielleicht wieder eine Seuche ausgebrochen ist. Wir helfen wo wir können und versuchen in den 2 Wochen in denen wir dort sind aufzuklären so gut es geht und hoffen, dass Svetlana, ihre Helfer aber auch die Tierärzte möglichst viel davon umsetzen können. Nach unserer Abreise sind sie wieder 11.5 Monate auf sich alleine gestellt. Wie gerne würden wir länger bleiben oder öfter hinfliegen. Leider sind wir alle berufstätig und ausser mir spricht keine aus dem Team die Sprache... Wir könnten so viel mehr tun, wären die Distanz und v.a. die Verständigungsprobleme nicht!

 Zurück in der Schweiz angekommen, in dieser Realität, welche mir persönlich wie eine Fotokollage vorkommt, kann ich nur schwer meinem Freund erklären, was in mir vorgeht. Er erzählt mir, was er alles im Urlaub erlebte und wie er das coole Auto von seinem Freund ausgeliehen hat. Ich nicke schweigend und ich sehe vor mir die Bilder einer Katze, die in meinen Armen gestorben ist .

Wie kann ich ihm erklären, dass am anderen Ende der Welt Mensch und Tier alleine auf sich gestellt sind und nur eines tun - VERSUCHEN ZU ÜBERLEBEN? Wie kann ich ihm erklären, das die Natur immer noch ihren Lauf nimmt, in einem Tierheim, in welchem jeden 3. Tag Welpen abgegeben werden, weil die Menschen die Kastration nicht kennen oder sich diese nicht leisten können und am Ende nur die Stärksten überleben? Ich kann es nicht, doch was ich machen kann ist, ihn das nächste Jahr mitnehmen, um sein Denken global umzustellen. Es ist ein grosses Risiko, das sein Leben nicht mehr so sein wird wie früher, doch er wird verstehen, was auf dieser Erde noch zu tun ist, ich wünschte alle von uns würden es…

Eure Daria


Das letzte siebte Leben - dasletztesiebteleben.com