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Besuch bei Svetlana August 2014

Liebe Tierfreunde,

die Reise in das sibirische Tierheim von Svetlana Konovlova beginnt. Ich möchte diesmal ein kleines Tagebuch führen und zwar nicht als eine wichtigtuende Präsidentin des Vereins, sondern als normaler Mensch, ein hilfloser Tropfen im Ozean des Tierelends, welcher versucht etwas zu verändern und euch davon zu berichten.


Mit dabei dieses Jahr:  

Martina Karl. Eine Seelenverwandte von Svetlana, die ihr versprochen hat, sie bis zu ihrem Tod immer einmal pro Jahr zu besuchen.
Ute Brischke, die sich wie ein Chamäleon jeder Situation anpassen kann. Auch wenn es um das Schlimmste geht, die Tiere sterben zu sehen.
Mein zukünftiger Mann, der nach dreijähriger Vorbereitung (und Vorstellung, dass er in das Rudel wilder Hunde rein geschmissen und zerfleischt wird) die Kraft gefunden hat mitzukommen.
Und meine Wenigkeit, die sich vor Natur aus eigentlich eher in einer Ecke verkriechen würde, statt immer so stark zu tun. Doch sich dieser Sache stellen muss, weil es anders nicht geht.

Wir kommen dem Tierheim näher. Svetlana kommt raus und wir sehen ein dünnes, überglückliches Energiebündel. Sie freut sich über alles, uns zu sehen. Nach einem Jahr hat  sich in ihr viel angestaut - in uns spürt sie Seelenverwandte, welchen sie alles anvertrauen kann. Sie umarmt uns mit einer Kraft, die man von ihrem physischen Bau nicht erwarten würde und sagt: „ Schaut, ich bin noch gut in Form“ und dann flüstert sie mir ins Ohr: “aber wenn mir was zustößt, bitte beerdige du mich.“ Ich bekomme heimlich eine Gänsehaut! Die Vorstellung, dass ihr was zustoßen könnte, unterdrücke ich so schnell wie ich kann.

Am ersten Tag kommen wir spät an, ich möchte nicht ins Tierheim rein. Weil es normalerweise mehrere Stunden dauert, bis man sich dort umgeschaut hat. Doch vor dem Tierheim steht eine Klappe zum Abgeben der Hunde, in welcher sich etwas bewegt. Ich schau rein und sehe ca. 8-10 Welpen. Die Scheuen in der Ecke, die Tapferen im Vordergrund. „ Vor zwei Tagen abgegeben, sagt mir die Mitarbeiterin.“ Ich setzte mich ins Auto und befürchte, dass mir dieses, wie jedes Jahr, solche Vorfälle einige schlaflose Nächte breiten werden. Ich sage zu meinem Freund: „ gerade eben angekommen, spüre ich die Hilflosigkeit der ganzen Situation. Nur ein paar von diesen Welpen werden überleben, wann wird mein Land endlich lernen zu kastrieren!“ Mein Freund sagt mir:“ für die Menschen ist es leicht! Sie wissen, es gibt ein Tierheim und es ist die einfachste Lösung, die Welpen dahin abzuschieben. Sie machen sich keine weiteren Gedanken, dass dieses Tierheim täglich kämpft um die Tiere versorgen zu können und Svetlana kein Gott ist. Du musst es so sehen, die gleichen Welpen hätten auch in einer Mülltonne landen können.“ 


Heute kamen wir zu unseren Eingangsbeschützer den  Welpen, die in die Klappe der Abgabe getan wurden und mussten feststellen, dass noch 6 dazu kamen. Die Kleinen erkannten uns sofort und es begann ein Wettbewerb, wer von denen wackelt am schnellsten mit dem Schwanz. Ich versuchte ihnen so viel Liebe wie möglich zu geben.  Martina gewann ihre Herzen mit Leckerlis und die Ute gab ihnen Sportunterricht J. Ich versuchte nicht daran zu denken, was mit ihnen passieren wird wenn wir nicht mehr da sind und wenn das erste kalte Wetter beginnt. Ich glaube es war uns allen drei bewusst und wir mussten es nicht aussprechen. Jeder von uns hat ihnen eine kleine, schöne Zeit gegeben und vielleicht wird sie ja schon bald zur Ende gehen.

Doch trotzdem schien uns dieser Tag nicht mehr so traurig wie der erste. Wenn man lange die Rudel beobachtet, sieht man, dass es diese Hunde eigentlich gut haben. Sie haben ihre kleinen Intrigen, ihre Glücksmomente und sie bellen rum, wenn ein Mensch vorbei rennt. Doch es gibt die, die in diesen kleinen Zwingern ihr Leben verbringen müssen. Entweder weil sie von der frei laufenden Gruppe nicht angenommen und gemobbt werden oder sie die anderen Hunde angreifen. An ein paar solchen gingen wir vorbei und die Hunde sahen ziemlich aggressiv aus. Doch Svetlana kam vorbei und sagte:“ das ist der Tuman, ein ganz Lieber.“ Ich schaute den weissen Schäfer-Laika-Mix an, der mich in dieser Sekunde anbrüllte und provokativ im Kreis im Zwinger rumrannte, nahm mein ganzer Mut zusammen und ging in den Zwinger rein. In einer Sekunde viel auf mich von oben her ein überglückliches Baby. Ein sanfter Riese, der sein Glück nicht fassen konnte, dass ein Mensch ihn besuchen kommt. Und so ein Riese verbringt sein Leben in einem engen Zwinger und hat keine Aussicht auf Vermittlung. Er wurde von seinem Besitzer abgegeben weil er ihm zu gross gewachsen war.

Wir haben uns vorgenommen, solche Hunde demnächst auf unserer Homepage vorzustellen, die auf engsten Raum ihr ganzes Leben verbringen müssen. Vielleicht bekommen die ja bei uns noch ihre letzte Chance. Dann sah ich eine schüchterne Hündin in einem ähnlichen Zwinger und merkte, dass sie das Trockenfutter nicht nur in ihrem Napf hatte, sondern auch in ihrer Hütte. Tanja kam vorbei und ich fragte sie was das soll. Tanja sagte, diese Hündin kam sehr mager ins Tierheim, wahrscheinlich hatte sie nie genug zu essen. Jedes Mal wenn sie Trockenfutter bekommt, nimmt sie die Kügelchen in den Mund und bringt nach einander in die Hütte, wahrscheinlich auf Vorrat, falls der Napf mal leer wird.


Als wir am Abend aus dem Tierheim gingen, lief Svetlana in unsere Richtung und sagte, dass heute drei Welpen aus dem Rudel am Eingang vermittelt worden sind. Sie wird aber morgen trotzdem in die Zeitungs-Firma fahren und Inserate aufgeben, dass Kätzchen und Welpen dringend ein schönes zu Hause suchen. Vielleicht meldet sich ja jemand. Und dann habe ich noch zugehört, als jemand sie angerufen hat und fragte, ob das Tierheim ein paar Säcke mit Trockenbrot haben möchte. Svetlana sagte natürlich zu…

 

Die Tage verflogen wie der Wind in Sibirien. Ich habe sehr traurige Sachen gesehen, aber gleichzeitig wundervolle Dinge, so wie unglaubliche Menschen. Nun sitze ich hier im Flugzeug, vor mir gerade ein eben verteiltes Frauenmagazin. Ich schaue rein und sehe, wie man seine Wohnung dekorieren kann. Irgendwie kommt es bei mir nicht zusammen. Gestern starben dir die Welpen in den Armen und jetzt sitzt du da und schaust apathisch in dieses Magazin rein. Doch unter dir, im Frachtraum schlagen ein paar gerettete Herzen, von deren Existenz die anderen Passagiere nichts merken. Ein paar Tropfen Elend, die kurz dem Tod entkommen sind. So viele andere mussten wir zurücklassen und wissen jetzt schon, dass wir sie nächstes Jahr nicht wieder sehen werden. Zu kalt ist der Winter, zu Viele werden abgegeben, fast keine kommen raus und nur die Stärksten überleben.


Der letzte Tag war ganz schlimm, wir fanden unser Welpen-Rudel, welches uns noch vor einer Woche so überglücklich empfangen hat, mit nur noch drei ganz geschwächten Welpen. Die anderen Babys waren schon gestorben. Zu früh waren sie von ihrer Mutter getrennt und ins Tierheim gebracht worden. Diese kleinen Geschöpfe gehen dort ein wie abgebrochene Blumen. Die Stärksten aus dem Rudel, die restlichen drei, welche nur noch Haut und Knochen waren, sahen uns in den Zwinger reingehen. Sie konnten nicht mehr aufrecht sitzen doch fanden immer noch die Kraft mit ihren Schwänzchen zu wackeln. Wir wussten das Urteil war gefallen. Ihnen blieben nur noch ein paar Stunden. Wir nahmen die auf den Schoss, um ihnen ein bisschen Trost und Liebe zu geben, die sie in ihrem kurzen Leben nicht entdecken konnten. Und jedes Mal heben sie das geschwächte Köpfchen, um dir in die Augen zu schauen. Dieser Blick löste einen unerträglichen Schmerz in uns aus und so saßen wir da und heulten. Danach ging ich aus dem Zwinger um andere Sachen zu erledigen. Ich fand nicht mehr die Kraft dazu, dort noch mal rein zu gehen, um in diese traurigen Blicke zu schauen.


Auf dem Weg aus dem Tierheim traf ich auf Galina (Svetlanas langjährige Arbeiterin). Sie sagte, es wurden gerade eben wieder drei Welpen in einer Schachtel vor das Tierheim gestellt!

Immer wieder tauchen kleine Erinnerungen von unserem Einsatz bei Svetlana auf. Da gab es diese Frau, die Svetlana ab und zu hilft und Tiere über alles liebt. Wenn sie durch die Straßen  Abakans geht, folgen ihr fliegende Tauben, die sie aus 100 m Weite erkennen (übrigens neben Svetlanas Spendenbox in der Stadt, warten täglich ganz viele Tauben bis Svetlana kommt um sie zu füttern).

Sie erzählte mir eine Geschichte: “Zwei Männer kamen zum Gott. Der eine sollte in die Hölle geschickt werden und der andere in den Himmel. Beide fragten warum er zu dieser Entscheidung kam. Gott sagte: “Als ich vor dir in deinem Leben in Leid erschienen bin, hast du mir geholfen, deswegen kommst du in den Himmel.“ „ Und als ich vor dir in Leiden erschien, gingst du an mir vorbei.“ Der Mann der in die Hölle kommen solle erwiderte: „ Aber du bist mir in meinem Leben gar nicht erschienen, sonst würde ich dir helfen.“ Gott sagte: „ Doch, aber als dein vierbeiniger Bruder.“


 Svetlana erzählte mal, da wo sie ihre Spendenbox in der Stadt hat, kam eines Tages ein weißer, wunderschöner, gross gewachsener Laika-Mix. Er war sehr mager und hatte sicherlich schon paar Schuhtritte von den Menschen abgekriegt, weil er panische Angst von jedem auf der Straße hatte. Svetlana rannte in den Supermarkt und kaufte ihm Fleischreste. Neben der Spendenbox gab sie es ihm. Sein Hunger überwand die Angst und er schnappte sich dieses Stück Fleisch und rannte über die Straße, um es in einem ruhigen Innenhof zu essen. Ein paar Sekunden später war er aber wieder da.  Svetlana ging ein bisschen weiter weg von der Straße und gab ihm ein zweites Stückchen Fleisch. Er schnappte es sich wieder und lief um sein Leben über die Straße. In diesem Moment überfuhr ihn ein Auto…  Svetlana lief auf die Straße nahm ihn und brachte ihn ins Tierheim. Er starb in ihren Armen. Sie sagte, seit diesem Vorfall denkt sie immer an diesen Hund wenn sie zur dieser Stelle kommt.


Ich erinnere mich selber, als ich aus dem Tierheim auf den Weg nach Hause war, sah ich auf der Autobahn gerade eben einen angefahrenen Hund. Er sah so aus, als hätte er sich nur hingelegt um zu schlafen. Man sah gar keine Verletzungen. Ich drehte um und kam wieder zurück. Vielleicht war er ja nur angefahren und ich konnte ihn noch ins Tierheim bringen. Ich parkte mein Auto am Rand gegenüber von ihm und versuchte zu erkennen ob er noch atmet. Doch seine Augen waren erstarrt und er hat nicht geatmet. Gott sei Dank konnte ich es gerade noch erkennen, denn in der nächsten Sekunde überfuhr ihn ein Auto und der arme Hund war in Fetzen geteilt.
Ich habe das Gefühl, dass die Menschen in diesem Land extra auf die Tiere drauf fahren…

Svetlana sagte, vor kurzem zeigte man im örtlichen Fernsehen, wie ein Mann am späten Abend drei Kinder am Strassenrand zu Tode gefahren hat. Als man ihn fragte, warum er das gemacht hat, sagte er: „ Ich dachte es wären Hunde.“

Es gibt aber auch sehr tolle Menschen in Russland. Ständig ruft jemand Svetlana an und fragt wie es ihr geht oder bietet ihr das Wenige das er hat, zum Beispiel paar Säcke von Trockenbrot an. Svetlana sagt zu allem zu, denn Trockenbrot kann sie in den Brei hineintun, welcher sie ab und zu  für die Hunde kocht.

Es gibt auch diese junge Tierärztin Roxana, die Svetlana für ihr Tierheim gewonnen hat. Ich beobachte ihre Kastration. Sie hat ein ganz leichtes Händchen und macht echte Juwelierarbeit. Man sieht, dass ihr die Tiere viel bedeuten. Sie hat sogar erwähnt, dass sie das Narkosegewehr, welches man für die Kastration der wilden Hunde im Tierheim braucht, selber ausprobieren würde. Denn der Arbeiter von Svetlana, der das noch vor kurzem gemacht hat, hat wieder angefangen zu trinken.


Man hat ganz viele Emotionen wenn man über dieses Land nachdenkt. Vor allem kommen alle diese Blicke mit Sehnsucht nach Nähe vor den Augen hoch, die auf dich aus den einsamen Zwinger hochschauen.


Dann hat man zum Beispiel auch mit solchen Menschen zu tun, wie der örtliche Veterinär, der uns die Papiere für unsere Tiere für die Ausreise ausgestellt hat. Der uns neidisch fragt:“ wie viel verdient ihr so, an diesen Tieren im Ausland? “ Wenn ich ihm dann sage: “ich bin froh, wenn wenigstens etwas von den Transportkosten zurückkommt“, sagte er vor Svetlana: „ Ich weiß ja, dass bei ihnen etwas nicht ganz stimmt im Kopf, doch ich hatte auch mal so einen Fall. Eine Frau kam mit ihrer Tochter und ihrer Katze hierher und wollte sie Tollwut impfen lassen. Zu diesem Zeitpunkt kamen ganz viele andere Kunden mit Kaninchen und anderen Tieren und jeder drängte sich vor. Nachdem sie drei Menschen vorgelassen hat, fing sie an zu schimpfen und meinte, dass jetzt sie dran sein sollte. Mein Kollege sagte dann zu ihr: “schmeiß doch die Katze unter den vorbeifahrenden Laster, dann wäre dein Tollwutproblem mit der Katze gelöst.“ Die Frau antwortete: „sind sie verrückt, ich liebe mein Tier wie meine Tochter!“ Ich stand da mit Svetlana und verstand nicht wo hier der Haken an dem Witz sein sollte. Der Typ (Veterinär!) schaute uns an und sagte: “versteht ihr nicht, diese Frau liebte die Katze genau so sehr wie ihre Tochter, das ist doch nicht normal!!!“ Ich schaute ihn an und dachte mir, wenn ich so die Tiere im Tierheim von Svetlana mit diesem Typen vergleiche, denke ich, die haben ein bisschen mehr im Kopf als dieser Mann. Wenn sie glücklich sind, dann sind sie glücklich, wenn sie traurig sind, dann haben sie einen Gemeinschaftsheulen, das dich fühlen lässt, als würdest du auf Wölfe im Wald treffen. So ein Benehmen habe ich ein paar Mal in der Nacht beobachten können, als ich die Tiere für den Abflug aus dem Tierheim abgeholt habe. Vor allem sind sie ehrlich und dankbar, sogar wenn sie kurz vor dem Sterben sind.

Ich komme zurück und ich stehe vor dem ganzen Unnütz den wir haben und denke: wozu das alles? Wir brauchen doch viel weniger als wir denken! Eine Jeans heißt gleich ein Sack Futter - heißt gleich jemanden ein Leben zu ermöglichen und nicht zu verhungern.

Liebe Tierfreunde, ich möchte nicht, dass jeder von uns gleich in die Bank rennt um Millionen zu überweisen, weil wir die einfach nicht haben. Ich weiß, dass viele Menschen auch bei uns arm sind und trotzdem vielen Tierschutzprojekten helfen. Ich möchte euch nur um Eines bitten… Bitte helft uns, die Leute auf das Schicksal von Svetlana und ihren vielen geretteten Tieren aufmerksam zu machen. Erzählt es euren Freunden, damit die Menschen auf dieser Erde erfahren, wie gross das Tierelend auf diesem Planeten ist und dass wir alle mit anpacken müssen um etwas zu verändern.

Falls mein Deutsch euch Schmerzen bereitet hat, entschuldige ich mich. Ich spreche drei Sprachen und jede davon schlecht.

Eure Daria.

 


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